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Nazis raus aus dem Internet

 

01.10.03

Ulrich Sander am 20.09.03 auf der Demonstration gegen den Nazi-Aufmarsch in Dortmund:

Für die Entschädigung der Wehrmachtsopfer und für die Bestrafung der Täter!

Rede vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft und des Amtsgerichtes Dortmund  

Wir haben der hier residierenden NRW-Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen die Namen von Personen und die Angaben über ihre frühere Zugehörigkeiten zu Wehrmachtseinheiten, die an schweren Verbrechen beteiligt waren, zugeleitet. Wir fordern die Zentralstelle auf, unsere Unterlagen und Dokumentationen in ihre wichtigen Ermittlungen einzubeziehen, diese Ermittlungen zu beschleunigen - und die Landesregierung fordern wir auf, die Zentralstelle personell zu verstärken, damit endlich die Täter ihrer Strafe zugeführt werden können.

Es handelt sich konkret um 200 noch lebende mutmaßliche Täter der Massenverbrechen der Wehrmacht in Italien und Griechenland. Wir fordern Alois Eisl, Anton Ziegler und 198 weitere endlich zu verurteilen.

Wir haben diese Personen in eineinhalbjähriger Arbeit ermittelt - wir, das sind der Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege und die VVN-BdA. Wir verlangen die Entschädigung der Opfer und die Bestrafung der Täter. Es ist empörend, dass Regierung und Gerichte hierzulande die Entschädigungsklagen tausender betroffener Griechen ablehnen.

Dem zuständigen Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß können wir auf seine in Zeitungsinterviews geäußerte Klage eine Antwort geben.

Er stößt als Ermittler immer wieder auf die Tatsache, dass von den vermutlich noch lebenden 800 Tätern beim Massenmord von Kephallonia mit 5.000 Opfern nichts herauszubekommen ist, weil sie sich "absprechen".

Wir haben herausgefunden: Diese Absprachen zur Strafvereitelung erfolgen regelmäßig unter der Schirmherrschaft der Bundeswehr wie derselben bayerischen Behörden, die sich gegenwärtig mit dem harten Vorgehen gegen Naziterroristen brüsten.

Sie erfolgen im Kameradenkreis Gebirgstruppe, wo alte und junge Soldaten und Reservisten zusammenwirken.

Und sie erfolgen in anderen Traditionsverbänden, so der Fallschirmjäger und der Ritterkreuzträger.

Die Bundeswehr erweist sich auch fast 50 Jahre nach ihrer Gründung als Verein zur Strafvereitelung zu Gunsten von Mördern.

1950 sagten die führenden Nazigeneräle um Heusinger und Speidel dem Bundeskanzler Adenauer, der sie zum Aufbau deutscher Streitkräfte aufforderte:

Wir machen nur mit, wenn die als Kriegsverbrecher verurteilten Soldaten aus dem Gefängnis entlassen werden und wenn es künftig keine Strafen für Wehrmachtangehörige gibt - auch wenn sie an Verbrechen gegen die Menschheit beteiligt waren.

Das, was die Generäle forderten, wurde gemacht.

Es wurden zwar einige Wehrmachtsangehörige von deutschen Gerichten verurteilt, aber spätestens vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe wurden die Urteile wieder aufgehoben.

Eine andere Lösung zur Strafvereitelung war die, dass man in die Zentralstellen zur Bearbeitung der NS-Massenverbrechen - davon gibt es drei im Bundesgebiet, eine ist die hinter uns befindliche - nur ehemalige Nazijuristen setzte.

Und die gaben dann die Akten unbearbeitet in den Keller - und schonten die Naziverbrecher in Uniform.

Auch hier in Dortmund ist dies geschehen.

Vor wenigen Jahren wiesen wir nach, dass im Fall des Mörders von den Adreatinischen Höhlen von Rom, Erich Priebke, hier in diesem Hause so verfahren wurde.

Am heutigen Tage wird hier in Dortmund die Lüge von der "sauberen Wehrmacht" und der Spruch der Neonazis: "Unsere Opas waren in Ordnung" verbreitet.

Ja, ihre Opas fanden in Ordnung, dass Wehrmachtsstäbe mit Meldungen wie diese beliefert wurden: "Bei Säuberungsmaßnahmen gegen Bandengruppen vernichtet: 120 Feindtote".

So geschehen im November 1943 in Voskopoje/Montenegro.

Die "Feindtoten" waren Zivilisten, Frauen, Kinder.

Ausgerechnet am Tage, da die Menschen in Italien und Griechenland des 60. Jahrestages zahlreicher Massaker der Wehrmacht und SS in Südeuropa gedenken, wollen Neonazis in Dortmund gegen die Wehrmachtsausstellung demonstrieren, die hier an diesem Wochenende ihre Pforten - im Museum an der Hansastraße - öffnete.

Und ausgerechnet eine Woche nach Auffliegen der Naziterrorgruppe "Kameradschaft Süd" in München, wollen die mit dieser Terror-Kameradschaft eng vernetzten Ruhrgebietskameradschaften durch den Dortmunder Westen marschieren, wogegen sich die Einwohner dort wenden.

Dagegen protestieren wir entschieden.

Unsere gemeinsame Kundgebung der VVN-BdA, der Gemeinde der Griechen in Dortmund und des Bündnisses Dortmund gegen Rechts steht unter dem Motto "Für die Entschädigung der Wehrmachtsopfer und für die Bestrafung der Täter". Zugleich wenden wir uns gegen die Anwesenheit der alten und jungen Nazis in dieser Stadt.

Wir haben angesichts der in München bekannt gewordenen Pläne für terroristische Mordanschläge der Neonazis in einem Brief an den Dortmunder Polizeipräsidenten dazu aufgerufen:

Das Netzwerk der Nazi-Terroristen muß zerschlagen werden, ihm darf nicht noch das Versammlungsrecht eingeräumt werden. Der Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

Dem Terror-Netzwerk darf in Dortmund kein Spielraum gegeben werden.

Das Ausmaß der Provokation der alten und neuen Nazis wird hier besonders deutlich:

Sie nehmen das Demonstrationsrecht und die Meinungsfreiheit in Anspruch - geschützt von drei Verfassungsrichtern aus Karlsruhe, die ihnen zubilligen, eine "missliebige Meinung" zu haben, die wir zu respektieren hätten.

Sie leugnen die Verbrechen der Vergangenheit, um diese morgen zu wiederholen.

Sie streben eine Zukunft neuen faschistischen Terrors in Deutschland an.

Unter den von dem Kameradschaftsnetzwerk in München Bedrohten sind neben den jüdischen Gemeinschaften auch Einrichtungen der Griechen und Italiener. Zu den süddeutschen "Kameraden" gehören auch solche aus Mittenwald und Garmisch-Partenkirchen, die dort im Kameradenkreis der Gebirgstruppe die Reihen der alten Wehrmachtstäter verstärken.

Schon seit 1993 stehen antifaschistische Gruppen und jüdische Einrichtungen in Dortmund wie auch anderswo auf den Drohlisten "Einblick" der AntiAntifa. Dennoch schützen Justiz und Polizei diese Verbrecher.

Die Vorbereitung der neuen Nazianschläge in München und des Dortmunder Naziaufmarsches fielen in eine Zeit, da der vor 60 Jahren von Wehrmachtssoldaten ermordeten über 5.000 wehrlosen italienischen Kriegsgefangenen auf der griechischen Insel Kephallonia gedacht wird.

Ebenfalls vor 60 Jahren, am 25. September 1943, wurden 700 italienische Kriegsgefangene auf Korfu ermordet, und zwar von der berüchtigten 1. Gebirgsdivision. Weitere italienische Kriegsgefangene wurden in jenen Wochen in Sarande, Kucjk und Grahavo von der Wehrmacht gegen alles Kriegsvölkerrecht erschossen.

Unschuldige griechische Zivilisten - Frauen, Kinder, alte Leute - wurden zu Tausenden in der Zeit von September bis November 1943 in Lyngiades und rund 30 weiteren griechischen Orten von Wehrmachtseinheiten ermordet. Viele dieser Orte wurden niedergebrannt. Zu den Opfergemeinden allein der Monate September bis November 1943 gehören ferner in Griechenland die Dörfer - und wir gedenken ihrer Opfer -

Kura, Anoion, Skliwani, Terowon, Arta, Paramythia, Thereakision, Neochoratti, Megarchi, Tunta, Akmotopos, Agios Georgios, Rapsai, Strumy, Muliana, Anoion Tereion, Jimnopolos, Klisura, Lagatora, Argyrookastro, Kolonja, Plesat, Kardhiq, Zhulat, Progonat Golem, Periwoli, Dragumi und Zragumi.

Die erschreckend große Zahl zerstörter Dörfer und getöteter Menschen erklärt der Historiker Martin Seckendorf so: In der Zeit der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 wurden in Griechenland pro Woche zwei Massaker in der Größenordnung von Lidice begangen, dessen Schicksal weltweit bekannt wurde, während man kaum etwas über die Wehrmachtsverbrechen auf dem Balkan weiß. Die Bundesregierung ordnet diese Verbrechen als Kriegshandlungen ein, und die Zeit für Reparationen sei vorbei.

Zeitgleich legen heute in Griechenland, Italien und in unserem Land jene Bürgerinnen und Bürger Zeugnis ab, die Krieg und Verbrechen wie jene von Kephallonia und Lyngiades und anderen Plätzen für immer aus dem Leben der Völker verbannen möchten. Besonders den Menschen unseres Landes kommt eine große Verantwortung zu, die Jahrestage des Todes wie die Wehrmachtsausstellung angemessen zu begehen.

In diesem Sinne begeben wir uns nun auf unseren Weg durch Dortmund.

Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus.

Siehe auch:

"Bitte lassen Sie dies nicht länger zu"

Offener Brief an den Dortmunder Polizeipräsidenten

 

VVN-BdA und Bündnis Dortmund gegen Rechts übergeben Namen von Wehrmachtsverbrechern an die Justiz

Protest gegen den Aufmarsch von Naziterroristen in Dortmund


Dortmund, 20.09.2003

Aktuelle Infos zu den Demonstrationen gegen den geplanten Neonazi-Aufmarsch