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04.08.03

"Die Juden schießen ja!"

Vom Widerstand der Juden gegen den Faschismus 1933-1945

Eine Veranstaltungsreihe vom 13. bis 16. Oktober 2003 in Wuppertal

Die Veranstaltungsreihe wird organisiert durch den Trägerverein der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal in Zusammenarbeit mit:

  • Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 - 1945, Frankfurt am Main
  • Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA), Landesverband Nordrhein-Westfalen
  • Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA), Kreisverband Wuppertal
  • Jugendring Wupppertal e.V. - Arbeitsgemeinschaft Wuppertaler Jugendverbände
  • Allgemeiner Studentenausschuss (AStA) der Bergischen Universität
  • Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Stadtverband Wuppertal
  • Touristenverein "Die Naturfreunde" e.V., Ortsgruppe Wuppertal
  • Humanistischer Verband NRW, Ortsgemeinschaft Wuppertal
  • Armin-T.-Wegner-Gesellschaft e.V.
  • Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft e.V.
  • Else-Lasker-Schüler-Haus e.V.
  • Marx-Engels-Stiftung, Wuppertal
  • Rosa Luxemburg Club, Wuppertal/Bergisch Land

I.

Ich hab die jungen Leute angestachelt, angefeuert und bestärkt
Und das hat nicht nur sie, das hat mich selbst auch stark gemacht...
Ich sage dir, daß keiner diesen Deutschen in den Rücken schoß
Der erste fiel, der andere auch. Die Kugel traf ihn vorne in die Brust
"Die Juden schießen ja!" - hat noch der eine von den zwein
Erstaunt geröchelt. Gutmann, Sacharia hat geschossen, der
Elieser auch - Chaluzim und Pfadfinder vom "Haschomer Hazair"
Er hat's kapiert! Ja, Juden schießen auch - das hatt' er nicht gewußt.
(Jizchak Katzenelson: Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk, Dreizehnter Gesang, "Mit den Chaluzim")

II.

Als im November 1988 anlässlich des 50. Jahrestages des Novemberpogroms in der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine jüdische Abteilung eröffnet wurde, konnte das Londoner Leo Baeck Institut mit Recht darauf verweisen, dass es sich bereits seit vielen Jahren mit der Darstellung, Analyse und Problematik der jüdischen Selbstverteidigung und des jüdischen Widerstandes befasst hatte. Sein langjähriger Direktor, der 1921 in Berlin geborene Historiker Arnold Paucker, schrieb aus diesem Anlass den Essay "Standhalten und Widerstehen. Der Widerstand deutscher und österreichischer Juden gegen die nationalsozialistische Diktatur" und korrigierte darin das einseitige Bild in der öffentlichen Diskussion und der Geschichtsschreibung, das die Verfolgung und das passive Leiden der Juden in den Mittelpunkt gerückt hatte. Dieser nach wie vor dominierenden Sichtweise soll mit der Veranstaltungsreihe entgegengewirkt werden. Das ist das wichtigste Ziel!

Zwei Gedanken aus dem Essay sind von zentraler Bedeutung und sollen deswegen hier zitiert werden. Er schreibt: "Die meisten Arbeiten haben sich auf den antifaschistischen jüdischen Widerstand in Deutschland beschränkt. Es ist aber absolut notwendig, die Forschung auf den militärischen Widerstand im besetzten Europa auszudehnen. Nicht selten begegnen wir hier den gleichen Beteiligten."

Diese Passage aus dem Essay verweist auf die Tatsache, dass eine große Anzahl jüdischer Kämpfer in den Internatinalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 später in vielen Ländern zu den Hauptorganisatoren jüdischer Widerstandsaktionen wurden.

Paucker hebt weiter hervor: "Der besondere Charakter des deutsch-jüdischen Widerstandes verlangt, daß er nicht isoliert betrachtet wird. Er gehört zur allgemeinen Widerstandsgeschichte und muß stets in Bezug gesetzt werden zum deutschen Widerstand und den europäischen Widerstandsbewegungen."

III.

Diesen Aufforderungen folgend, legte der 1924 geborene, in Frankfurt am Main lebende freie Schriftsteller Arno Lustiger mit seiner Arbeit "Zum Kampf auf Leben und Tod! Vom Widerstand der Juden 1933-1945" im Jahre 1994/1997 die erste umfassende Gesamtdarstellung des von Juden in ganz Europa geleisteten Widerstandes vor.

Sie wird, zusammen mit der von Reuben Ainsztein vorgelegten Arbeit "Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges" sowie den zahlreichen Arbeiten von Ingrid Strobl, insbesondere ihr wichtigstes Buch "Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945", die inhaltliche Basis für die Veranstaltungsreihe bilden.

IV.

Einige weitere Gedanken sollen angefügt werden.

Am 2. Oktober 1940 wurde von den faschistischen deutschen Besatzern die Einrichtung des Warschauer Ghettos angeordnet und am 15.11.1940 vollständig abgeriegelt. Auf 2,4 % der Stadtfläche waren damit 30 % der Bevölkerung zusammengepfercht. Not und Hunger nahmen schreckliche Ausmaße an. Viele Juden wurden in den für die Kriegswirtschaft arbeitenden Betrieben extrem ausgebeutet. Schnell regte sich zunächst lediglich ziviler Widerstand, wurde eine illegale Infrastruktur geschaffen. Später wurden konspirative Fünfer-Kampfgruppen gebildet und ein Jüdisches Nationalkomitee mit einem Koordinationskomitee als Leitungsorgan geschaffen. Das war der zivile Arm der Jüdischen Kampf-Organisation (ZOB), die am 28. Juli 1942 gegründet wurde.

Angesichts bevorstehender Massendeportationen um die Jahreswende 1942/43 kam es zu ersten bewaffneten Widerstandsaktionen. Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Besatzung in Europa erhob sich die gesamte Bevölkerung eines urbanen Zentrums zum offenen Widerstand.

Als die Deutschen dann am 19. April 1943 damit begannen, das Ghetto zu liquidieren, leisteten die Juden offenen, bewaffneten Widerstand. Der historische Aufstand im Warschauer Ghetto begann.

Er ist nach offiziellen Berichten am 16. Mai 1943 niedergeschlagen worden, doch in Wirklichkeit wurde vereinzelt noch bis Mitte Juli gekämpft. Insgesamt verloren 56.065 Juden ihr Leben.

Unvergessen bleiben neben vielen Kämpfern Mordechaj Anielewicz (Kommandant des Warschauer Ghettoaufstandes), Jizchak Zuckermann "Antek" (Koordinator des Widerstandes), Marek Edelmann (Ghettokämpfer), Zivia Lubetkin (Frau im Ghettokampf) und natürlich Jizchak Katzenelson und sein poetisches Werk "Dos lied vunem ojsgehargeten jidischn volk". Als der Aufstand losbrach, gehörte er zu den ersten Kämpfern. Er war damals 57 Jahre alt. Seine Freunde, im Angesicht ihres sicheren Todes, beschlossen, den Dichter zu retten. Es gelang. Am 17. Januar 1944 beendete er in einem französischen Lager die Arbeit an seinem ergreifenden Werk "Dos lied vunem ojsgehargeten jidischn volk". Drei Monate später, am 27. April 1944 (Lustiger, S. 89)/1. Mai 1944 (Biermann, Klappentext) wurde er in Auschwitz ermordet. Das Manuskript hatte er vor seiner Deportation unter einem Baum im Lager Vittel vergraben. Dort wurde es nach der Befreiung Frankreichs gefunden. Auch eine weitere Fassung ist erhalten geblieben. So konnte es bereits 1945 im jiddischen Original herausgegeben werden. Später folgten Übertragungen in mehrere Sprachen. Wolf Biermann besorgte eine Nachdichtung des großen Poems in deutscher Sprache.

V.

Ein weiteres Beispiel jüdischen Widerstandes mit besonderem Bezug zu Wuppertal ist verknüpft mit dem Namen Bialystok. In der polnischen Stadt Bialystok wurde von den faschistischen Besatzern am 1. August 1941 ein Ghetto eingerichtet. 50.000 Juden wurden hier eingepfercht. Vorher wurde unter der jüdischen Bevölkerung ein grausames Blutbad angerichtet. Innerhalb weniger Wochen wurden 6.000 Juden ermordet. Daran beteiligt waren auch zwei Wuppertaler Polizeibeamte. Erst 1967/68 standen sie mit zwölf weiteren Angeklagten in Wuppertal vor Gericht. Sie wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Bereits 1973 waren aber alle wieder auf freiem Fuß.

Im Ghetto Bialystok gelang es erst nach heftigen (ideologischen) Auseinandersetzungen im Juli 1943 eine vereinigte Widerstandsorganisation zu bilden mit Mordechaj Tenenbaum an ihrer Spitze. Er war einer der bedeutendsten kämpferischen und intellektuellen Gestalten des jüdischen Widerstandes in Polen. Neben ihm standen unvergessen Daniel Moszkowicz, Chajka Grossman und Edek Boraks. Am 15. August 1943 wurde das Ghetto von starken faschistischen militärischen Kräften umstellt in welchem noch 30.000 Juden lebten. Der ungleiche Kampf begann. Die Widerstandsgruppen verfolgten den Plan, eine Bresche in den Ghettozaun zu schlagen, durch den die Ghettobewohner in den Wald entkommen konnten. Die Kämpfe dauerten fünf Tage, vom 16. bis zum 20. August 1943. Der Aufstand endete in einem Blutbad. Dennoch gelang es Überlebenden, Kämpfer in Partisanengruppen zu werden.

VI.

Aktiver Widerstand von Widerstandsgruppen ist in den verschiedendsten Formen aus vielen Ghettos und Lagern bekannt und dokumentiert. Ab Mitte des Jahres 1943 eskalierte er häufig in offenen militärischen Widerstand. Der ungleiche Kampf wurde aber in der Regel in einem Blutbad erstickt.

Im Jahr 2003 werden 60 Jahre seit diesen Ereignissen vergangen sein. Diese Tatsache ist der auslösende Gedanken für die Veranstaltungsreihe und soll in der Öffentlichkeitsarbeit besonders hervorgehoben werden.

VII.

Die folgenden Veranstaltungen werden angeboten:

"Zum Kampf auf Leben und Tod!" 

Vom Widerstand der Juden in Europa 1933-1945 - Eine Übersicht

Vortrags- und Diskussionsabend mit Arno Lustiger, Frankfurt/Main (angefragt)

Termin: Montag, 13. Oktober 2003, Beginn: 19.30 Uhr

Ort: Begegnungsstätte Alte Synagoge

Literatur und Musik im jüdischen antifaschistischen Widerstandskampf

Im Zentrum steht dabei eine Erinnerung an Jizchak Katzenelsons "Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk"

Der Abend wird gestaltet von Dr. Dirk Krüger, Vorstandsmitglied im Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945, Frankfurt am Main

Die Präsentation von literarischen und musikalischen Zitaten übernimmt das bekannte Gesangs- und Rezitationsduo Heiner Czyganowski und Christoph Sagorski

Termin: Dienstag, 14. Oktober 2003, Beginn: 19.30 Uhr

(Es ist der Jahrestag des Beginns des Aufstandes im Vernichtungslager Sobibor am 14. Oktober 1943)

Ort: Begegnungsstätte Alte Synagoge

Vortrags- und Diskussionsabend mit Ingrid Strobl

Schwerpunkt: Vorstellung von Chaika Grossman, eine der ganz großen Gestalten des jüdischen Widerstandes. Chaika wurde 1920 in Bialystok geboren und war von Anfang an aktiv in der jüdischen Widerstandsbewegung. Sie transportierte Informationsmaterial, Nachrichten und sammelte Geld für den Widerstand. Zusammen mit anderen Frauen nahm sie am bewaffneten Aufstand im Ghetto Bialystok im August 1943 teil. Danach wurde sie Mitglied in einer jüdischen Partisanengruppe. Sie überlebte, ging im Mai 1948 nach Israel und wurde Kibbutzmitglied. Seit 1969 war sie viele Jahre lang Abgeordnete in der Knesset. Ingrid Strobl hat ihren Bericht "Anschej Hamachteret" 1993 ins Deutsche übersetzt und unter dem Titel "Die Untergrundarmee" herausgegeben.

Ingrid Strobl wird an diesem Abend einen von ihr verfassten Text zu/über Chaika Grossman vortragen, der als Ergebnis von Begegnungen zwischen beiden Frauen entstanden ist, und einen 30minütigen Film zeigen, der Leben und Wirken von Chaika Grossman porträtiert. In der sich anschließenden Diskussion kann der Rahmen auf den jüdischen Frauenwiderstand insgesamt ausgedehnt werden. Eine geeignete Grundlage wird dabei ihr Buch "Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939 - 1945" sein.

Termin: Mittwoch, 15. Oktober 2003, Beginn: 19.30 Uhr

Ort: Begegnungsstätte Alte Synagoge

Gespräche in Schulen und eine Abendveranstaltung mit Henny Dreifuss und Peter Gingold

Die jüdische Widerstandskämpferin Henny Dreifuss, Düsseldorf, und der jüdische Widerstandskämpfer Peter Gingold, Frankfurt/Main, waren beide aktiv in der französischen Résistance. Beide sind noch heute aktiv im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Neofaschismus. Immer wieder werden sie von Schulen zum Gespräch mit den SchülerInnen eingeladen.

Termin: Donnerstag, 16. Oktober 2003, Vormittag und 19.30 Uhr

Ort: Schulen und Begegnungsstätte Alte Synagoge

VIII.

Der Eintrittspreis beträgt für jede Veranstaltung einzeln 5 Euro, erm. 2 Euro. Für alle vier Veranstaltungen beträgt der Eintrittspreis 15 Euro, erm. 6 Euro

IX.

Für Rückfragen und weitere Informationen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Ulrike Schrader
Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal
Genügsamkeitstraße
42105 Wuppertal
Tel./Fax: 0202/563-2843
e-mail: GedenkstaetteWuppertal@gmx.de

Dr. Dirk Krüger
Zietenstraße 25
42281 Wuppertal
Tel./Fax: 0202/507126
e-mail: dirk.krueger@wtal.de